*räusper* *räusper* ja dann hier mal meine FF...ich habe viele namen eingebracht, aber die meisten sind unwichtig =)
ich hab keinen Titel also...
Ein Wort zu Beginn:
Etwas Ähnliches ist einmal wirklich passiert, aber diese Geschichte ist erfunden und basiert nicht auf den Geschehnissen von damals.
Jorina
Mit einem Taschentuch putzte ich ihr Gesicht sauber. Ihre Schminke war vom Heulen total verschmiert und sie hörte immer noch nicht auf. „Scht…scht… du schaffst das!“, machte ich ihr Mut und nahm sie nochmal in die Arme. „Nein! Warum verstehst du das denn nicht? Ich hab jede einzelne Prüfung verkackt!“, heulte sie schon fast wütend. „Du hast ja die Ergebnisse noch gar nicht…und schlimmsten falls, was aber nie eintreten wird, kannst du ja immer noch das Jahr wiederholen!“, versuchte ich sie aufzumuntern. Nach weiteren drei Minuten guten Zuredens erklang das Warnleuten. „So, komm jetzt, Schätzchen, sonst verpassen wir die nächste Stunde!“ , meinte ich und nahm Irina an der Hand. Es war nicht das erste Mal, wo sie sich wegen der Maturarbeit fertig machte.
Wir eilten Hand in Hand zu unseren Spinds und holten die Französisch Bücher/Ordner hervor. Dann mussten wir zu unserem Schulzimmer hetzen. Ich kam trotzdem zu spät, denn auf dem Weg traf ich meinen Freund.
In der Mittagspause sassen wir zu zwölft an einem der Tische. Wir hatten es immer lustig zusammen. Ich sass Cedric, einer aus meiner Klasse, auf dem Schoss, weil die Tische nicht so gross waren. Gleich neben uns grübelte Irina über ihren Hausaufgaben. „Kann mir mal jemand helfen?“, fragte sie verzweifelt. Sofort beugte sich Cedric zu ihr und erklärte ihr das Ganze. Sie starrte ihn nur verwirrt an und seufzte irgendwann mal: „Help!“ Wir zwölf begannen alle zu lachen und sangen dann einstimmig „Help! I need somebody! Help! Oh, just anybody! Hee-eeelp!“ Gregor legte sogar ein imaginäres Gittarrensolo auf dem Tisch hin, wobei er mein Essen zu Boden stiess und eine Ohrfeige von mir kassierte. Die Schüler an unseren Nachbartischen lachten verhalten. Wir gehörten zu den ältesten im Schulhaus, uns lachte man nicht einfach so aus…
Nach der 10. Stunde warf ich alles in meinen Spind und drehte mich um. „Hey!“, grinste mein Freund Gabriel mir entgegen und drückte mich gegen das Schäftchen. Wir küssten uns lange, bis sich Irina neben mir räusperte. „Ähem… Jori? Kommst du heim, oder bleibst du noch?“, fragte sie mich. Ich lächelte sie an und verabschiedete mich mit einem letzten Kuss von Gabriel. Wir waren nun schon zwei Jahre zusammen und es hatte immer funktioniert!
Tratschend schlenderten wir zur Statue am Helvetiaplatz. Hier waren irgendwelche Bündnisse oder so ähnlich der Schweiz verewigt. Und gleich daneben stand das bernische Naturhistorische Museum und dahinter war unser Gymnasium. Auf der anderen Seite führte die Kirchenfeldbrücke tief in die Hauptstadt. Wir schlenderten darauf zu und spuckten in die Aare*. Soll angeblich Glück bringen und das konnte Irina momentan sehr gut gebrauchen. Ihre Eltern hatten sich erst gerade scheiden lassen und sie dachte nur noch daran, dass sie die Matura vielleicht nicht bestehen könnte. Ich dachte nicht halb so viel darüber nach, aber ich wusste, dass ich am Tag der Entscheidung bestimmt sterben werde vor Aufregung. Vielleicht hatte ich das Ganze auch nur verdrängt.
Nach einer Umarmung gingen wir getrennte Wege; sie weiter über die Brücke und ich wieder zurück. Als ich mich an der Tramhaltestelle noch einmal umdrehte, sah ich sie schon nicht mehr. Seltsam…war sie gerannt?
Elias
Ich hatte im Schwellenmätteli** Sportunterricht. Natürlich musste ich Strafrunden rennen. Dass ich im Probesemester war, interessierte mich nicht. Ganz alleine rannte ich auf dem grossen grünen Feld hin und her. In den Schatten der Kirchenfeldbrücke und wieder daraus hervor. 13-mal, 14-mal, 15-mal…. Neben mir rauschte die Aare vorbei und plötzlich hörte ich einen dumpfen Aufschlag hinter mir. Ich fuhr herum und sah es…. Blonde Haare, die sich gemächlich rot verfärbten. Ein Bein lag verkrümmt unter ihrem schlanken Körper. Ich blieb einfach stehen und starrte es an. Dann… dann…ich weiss nicht mehr warum, aber ich ging zu ihm hin und drehte es um. Ich übergab mich noch neben diesem Körper… Das Gesicht konnte ich kaum wiedererkennen. Und dann rannte ich. Ich rannte und rannte, bis ich bei meinem Sportlehrer ankam, der mich gerade fragte, warum ich meine Strafrunden nicht absolvierte. „Etwas…jemand…“, stotterte ich und zeigte von der Brücke zu dem Feld. Er sah mich an, dann sah er dieses kleine Häufchen etwas mitten in diesem fröhlichen Grün. Grün, die Farbe der Hoffnung….
Jorina
Am nächsten Morgen kreischte ich, als ich in die Schule kam. Gabriel und seine Freunde ‚kidnappten‘ mich. Sie trugen mich auf ihren Schultern ins Gebäude und schlugen meinen Kopf beinahe gegen die alten Türen! „Lasst mich sofort runter! Jungs!“, verlangte ich lachend und als mir meine Freundin Geneviève zu Hilfe kommen wollte, wurde sie gleich mit aufgehoben. Auf einer der tausend Treppen liessen sie mich runter. Genny aber warfen sie in einen der Brunnen, die auf jedem Stockwerk stehen. Jedenfalls konnte nun jeder ihren schwarzen BH durch das weisse Shirt durch sehen und sie war…naja…nicht gerade zu kurz gekommen in Sachen Oberweite! Ich lieh ihr ein Top von mir und kam schon wieder zu spät ins Französisch. Aber ja…Monsieur Mayland gab sich meistens mit einem brav lächelnden „Excusez moi si’l vous plaît, je suis en retard!“ zufrieden.
Als ich mich neben Cedric setzte, fragte ich ihn: „Ist Irina krank, oder wo ist sie?“
Und wie auf Knopfdruck klopfte es an die Zimmertür. Wir alle lachten schon, weil wir mit Irina rechneten… hatten ja keine Ahnung!
Unsere Direktorin persönlich kam ins Zimmer. Aufgeregtes Geflüster erschien. „Guten Morgen G1a***.“, begrüsste sie uns. Ich und Chiara auf der anderen Zimmerseite wechselten einen verwirrten Blick. „Ich muss euch leider eine traurige Nachricht überbringen…“, Todesstille legte sich über uns Schüler. Man konnte nur noch den rumpelnden Magen von Cedric hören, was uns ein nervöses Kichern entlockte. „Eure Mitschülerin, Irina Weijler, hat sich gestern von der Kirchenfeldbrücke gestürzt.“, ich schüttelte den Kopf, die Worte erreichten mich gar nicht. „Ihr werdet für den Rest der Unterrichtszeit dispensiert und der Schulpsychiater steht euch jederzeit zur Verfügung…“, den Rest hörte ich gar nicht mehr. Ich schlug wortlos meine Hand vor den Mund und fühlte dumpf wie sich Cedrics Arme um mich legten. Wir 22, pardon 21…., Schüler weinten.
Eine Woche danach…
Die Welt besteht aus Sirup. Ich nehme ihn erst wahr, seit Irina gesprungen ist. Aber alles ist aus Sirup. Aus dickflüssigem, tiefroten Blutorangensirup. Die Menschen laufen einfach hindurch, atmen ihn ein. Bemerken sie ihn alle einfach nicht, oder warum können sie einfach weitermachen? Bemerken sie denn nicht, dass man bei jeder Bewegung gegen den zähen Widerstand des Sirups ankämpft? Dass er alles durchtränkt, alles rot färbt? Mein Klassenlehrer reicht mir meine Ergebnisse. Ich werfe sie in den Spind. Cedric wirft mir einen besorgten Blick zu. Das hat er die letzten Tage ständig getan! Als ich mit Gabriel Schluss gemacht habe, als ich die Musiklehrerin anschrie, als ich in der Mensa zusammenbrach…immer ruhte sein trauriger Blick und auch der, der anderen Mitschüler auf mir. Ach sollten sie sich doch einfach alle vergraben!
Ich knalle die Spindtür zu und gehe ruhig, gegen den Sirup ankämpfend, in die Kanzlei. „Ich möchte die Prüfungsergebnisse von Irina Weijler aus der G1a abholen.“, sage ich kühl.
Darauf…
Ich werde auf der Kirchenfeldbrücke stehen und der Umschlag wird in meinen Händen ruhen. Sie werden ganz ruhig sein, meine Hände, ohne jedes Zittern. Sie werden nicht im Sirup versinken. Hat Irina den Sirup auch bemerkt? Meine freie Hand wird sich im Gitter verhaken. Ein Gitter werden sie aufstellen! Ein Gitter! Nach dem verdammten 8. Selbstmord in diesem Jahr, werden sie auf die Idee kommen, ein Gitter zu errichten. Sollen sie sich doch alle vergraben!
Dann werde ich den Umschlag aufreissen und Irinas Prüfungsergebnisse ansehen. Ich werde diesen sinnlosen Bogen Papier, der lächerliche Grund, warum sie sich umgebracht hat, über das Gitter hinweg ins Wasser werfen. Ich werde mit ansehen, wie es nach unten flattern wird. Diese 37 Meter einfach unversehrt nach unten flattern wird.
Dann werde ich mich umdrehen und in die Bahn nach Hause einsteigen.
Die Ergebnisse werden genügend gewesen sein.
* die Aare ist ein Fluss
*** Name einer Abschlussklasse der Abteilung GH (Geistes- und Humanwissenschaften)

Fakten zum Schluss:
Die Kirchenfeldbrücke in Bern, liegt gleich neben dem gleichnamigen Gymnasium.
Im Jahr 2004 stürzten sich acht Menschen in den Tod.
Absichtlich.
Jährlich bringen sich durchschnittlich 72 Menschen in Bern um.
Sie springen vom Münster, oder von den zahlreichen Brücken.
2009 wurde wegen der gehäuften Zahlen an traumatisierten Augenzeugen (eine der Sportanlagen** liegt direkt unter der Brücke) ein Schutzzaun angebracht.